Richtlinien

Internationale Gesellschaft für Oxyvenierungstherapie e.V.

Richtlinien für die Anwendung der intravenösen Sauerstoffinsufflationstherapie (IOT)

(Oxyvenierung nach Regelsberger)

Für die intravenöse Applikation des Sauerstoffs wird das hierfür zugelassene Gerät Applimed-O2 1000 empfohlen. Andere Geräte stehen nicht zur Verfügung.
Es ist nur reiner medizinischer Sauerstoff zu verwenden.
Die Sauerstoffzufuhr in eine Armvene sollte über eine möglichst dünne (orangene, G27) Butterflykanüle erfolgen, der ein Bakterienfilter zur Einmalverwendung vorgeschaltet ist. Zur Vermeidung von Luftbeimengungen ist das Gerät samt Schlauchsystem und Butterflykanüle vor der Behandlung durchzuspülen.

Behandlungsdauer

Eine erste Behandlungsserie dauert 3 bis 4 Wochen (5 mal wöchentlich).
Bei arteriellen Durchblutungsstörungen und bei Dialysepatienten genügen notfalls auch 2 bis 3 Behandlungen pro Woche mit etwas höheren Einzeldosen. Die Gesamtbehandlungsdauer kann dann auf 5 bis 6 Wochen ausgedehnt werden.
Bei Nachbehandlungen genügen meist 2 bis 3 Wochen. Nachbehandlungsserien können je nach Schwere der Krankheit 1 bis mehrmals jährlich erfolgen.

Sauerstoffdosierung

Dosierung bedeutet immer Sauerstoffmenge und Einlaufgeschwindigkeit.
Die tägliche Sauerstoffmenge steigt von 10 auf maximal 40 ml bei Frauen und von 15 auf maximal 50 ml bei Männern an. Die Steigerung der Sauerstoffmenge erfolgt am besten in Schritten von 2 oder 5 ml. Die Einlaufgeschwindigkeit liegt bei 1 bis 2 ml pro Minute. Im Verlauf von mehreren Behandlungsserien steigt die Sauerstoffverträglichkeit an (Adaptation).
Bei Auftreten von Nebenwirkungen (besonders retrosternaler Druck und Husten) ist die Sauerstoffdosierung zu reduzieren.
Genauer ist die Bestimmung der Sauerstoffmenge unter Zuhilfenahme der spirometrisch gemessenen Vitalkapazität (VK) der Lunge. Die Durchlüftung der Lunge und deren Durchblutung verlaufen parallel (Euler-Liljestrand-Mechanismus). Das heißt: je höher die Vitalkapazität je mehr intravenös zugeführter Sauerstoff kann sich im Lungenblut auflösen. Die Sauerstoffverträglichkeit nimmt erfahrungsgemäß mit zunehmender Vitalkapazität zu. Richtwerte: Anfangsdosis = VK in Litern X 4; Enddosis = VK in Litern x 12. Beispiel für die Mengenbestimmung: VK = 3.5 Liter; Anfangsmenge: 3,5 X 4=14 ml Sauerstoff; maximale Menge:3,5 x 12=42 ml Sauerstoff. Etwas weniger genau ist die Berechnung der Sauerstoffmenge mit dem Atemstoßtest mithilfe eines sehr preiswerten Peak-Flow-Meters. Anfangsmenge: Peak Flow (L/min)/40; maximale Menge: Peak Flow/10. Beispiel: Peak Flow = 600 L/min; Anfangsmenge = 600/40 = 15 ml O2; maximale Menge = 600/10 = 60 ml O2.
Der Patient muss bei der Behandlung möglichst flach liegen. Die Staubinde sollte nach der Venenpunktion sofort gelöst werden. Freier Abfluss des Sauerstoffs muss gewährt sein (keine einengenden Ärmel; Oberarm leicht abgewinkelt). Nach Ende der Sauerstoffzufuhr sollte der Patient noch ca. 20 Minuten liegen und anschließend 15 Minuten sitzen. Körperliche Bewegung während der Sauerstoffkur ist ratsam. Starke Anstrengungen sind zu vermeiden.

Indikationen

  • Alle arteriellen Durchblutungsstörungen, besonders periphere arterielle Verschlusskrankheit und diabetische Mikroangiopathie; Altersdemenzen incl. M. Alzheimer; M. Parkinson
  • Ulcus cruris (arteriell und venös), Wundheilungsstörungen
  • Augenkrankheiten, besonders trockene Maculadegeneration und Retinitis pigmentosa. Für die feuchte Makuladegeneration liegen keine Studienergebnisse vor.
  • Chronische Niereninsuffizienz
  • Essentielle und renale Hypertonie
  • Oedeme aller Art
  • Migräne
  • Menière-Syndrom, Tinnitus, Hörsturz
  • Asthma bronchiale
  • Psoriasis, atopische Dermatitis allergische Rhinitis, Ekzeme
  • Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, rheumatische Polyarthritis, chronische Hepatitis, Prostatitis
  • Schlafstörungen, vegetative Labilität
  • Bösartige Neubildungen

Bei zahlreichen anderen Erkrankungen ist die Therapie angewandt worden. Die Wirksamkeit hierbei ist aber weniger belegt.
Die als Indikationen aufgezählten Krankheiten können praktisch in zwei große Gruppen aufgeteilt werden:
Die erste Gruppe hat mehr oder weniger mit der arteriellen Durchblutung zu tun. Der Hauptwirkungsmechanismus ist hier die nachgewiesene starke Prostazyklin-Bildung durch den Sauerstoffreiz im Lungenendothel. Prostazyklin ist ein hochpotenter Vasodilatator und Thrombozytenaggregationshemmer und hat u.a. antioxidative, antientzündliche und antimetastatische Wirkungen.
Bei der zweiten Gruppe handelt es sich überwiegend um chronische (allergisch-) entzündliche Erkrankungen. Die nach Oxyvenierung obligatorisch stark vermehrten eosinophilen Leukozyten im Blut werden höchstwahrscheinlich durch Hemmung von bestimmten Adhäsionsmolekülen (wahrscheinlich P-Selectin und L-Selectin) im Blut zurückgehalten, weil die Eosinophilen hier gebraucht werden, um mit ihren Enzymen den zugeführten Sauerstoffüberschuß abzubauen. Durch die Verhinderung der Auswanderung von Eosinophilen aus dem Blut ins Gewebe können die Eosinophilen, die bei der Entstehung von allergisch entzündlichen Erkrankungen eine Schlüsselrolle spielen, nicht mehr pathogenetisch wirken. Es kommt also zu einer Vermehrung der Eosinophilen im Blut und zu einer Verminderung im Gewebe.
Die Hemmung der erwähnten Adhäsionsmoleküle kann durch mehrere Stoffe, die nachweislich durch die Oxyvenierungstherapie vermehrt gebildet werden, bewirkt werden: Prostacyclin, Produkte der 15-Lipoxygenase und der Paraoxonase.
Der durch die intravenöse Zufuhr von nicht toxischen Sauerstoffmengen induzierte moderate oxidative Stress regt die körpereigenen antioxidativen Mechanismen an und bewirkt somit einen Schutz vor oxidativem Stress, dem eine wesentliche Beteiligung an der Entstehung der meisten Krankheiten zugeschrieben wird.
Die nach Oxyvenierungstherapie regelmäßig auftretende Eosinophilie erinnert an die Eosinophilie bei Wurminfektionen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der intravenös in Bläschenform insufflierte Sauerstoff sich nur zum Teil an das Hämoglobin bindet, ein nicht genau bestimmbarer Teil aber über einige Zeit bläschenförmig bleibt und die Bläschen so als fremde (antigene) Partikel wirken, die die Eosinophilie bedingen. Neben der Eosinophilie hat die IOT zahlreiche weitere Gemeinsamkeiten mit Wurminfektionen im Sinne der Hygiene- oder Old Friends-Hypothese, die besagt, dass unter besseren hygienischen Verhältnissen und nach der Möglichkeit medikamentöser Behandlung von Wurminfektionen in den letzten Jahrzehnten Autoimmunkrankheiten und Allergien sowie andere chronisch entzündliche Erkrankungen dramatisch zugenommen haben.

Kontraindikationen

Alle akuten Erkrankungen wie Myokardinfarkt, Apoplex, hochfieberhafter Infekt, Pneumonie, Status asthmaticus, Vorhof-und Kammerseptumdefekte. feuchte Makuladegeneration.
Relative Kontraindikationen sind der Zustand nach Lungenembolie und das inhalierende Tabakrauchen. (Der insufflierte Sauerstoff hat ein reduziertes peripheres Lungenarterienvolumen zur Verfügung um sich auflösen zu können; Nikotin ist ein Inhibitor der Prostaglandinsynthese; CO im Rauch verdrängt Sauerstoff vom Hämoglobin, wodurch die Lösungsmöglichkeit des Sauerstoffs ebenfalls reduziert wird). Bei offenem Foramen ovale kann es theoretisch zu Zeichen einer flüchtigen ungefährlichen cerebralen Ischämie kommen.

Nebenwirkungen

Häufiger: retrosternaler Druck, Hustenreiz, Müdigkeit, Harnflut. Seltener: Kopfschmerz, Gesichtsröte Extrem selten: grippeartige Symptome, pulmonale Infiltrationen, Aktivierung von Herden.
Die letztgenannten Nebenwirkungen sind nur früher beobachtet worden, weil der Sauerstoff höher dosiert wurde als in diesen Richtlinien empfohlen. Die übrigen Nebenwirkungen können überwiegend als Nebeneffekte von Prostzyklin erklärt werden.

Maßnahmen bei eventuellem Auftreten von Nebenwirkungen

Dosisreduzierung (Sauerstoffmenge und Einlaufgeschwindigkeit). Evtl. ein- oder mehrtägige Pause. Kontrolle der eosinophilen Leukozyten und der BKS, die stark erhöht sein kann. Ein Theophyllin-Präparat und/oder 500 mg Aspirin helfen bei Thoraxdruck und Husten fast immer prompt. Häufig mindert schon mehrmaliges tiefes Einatmen den Thoraxdruck.

Antidotwirkung von bestimmten Pharmaka

Alle Prostaglandinsynthesehemmer wie ASS, Indometazin, Ibuprofen oder Diclofenac wirken abschwächend oder blockierend auf Prostazyklin und andere Prostaglandine und hemmen dadurch die positive Wirkung der Oxyvenierungstherapie. Eine Ausnahme bilden kleine Dosen von ASS (30 bis 100 mg) wie sie bei der Infarktprophylaxe üblich sind. Diese führen eher zu einer verstärkten Wirkung der intravenösen Sauerstoffbehandlung.
Glucocorticoide in hoher Dosierung können den Wirkmechanismus der Oxyvenierungstherapie negativ beeinflussen. Bei niedriger Dosierung (bis maximal 15 mg) konnte erfahrungsgemäß eine positive Wirkung einschließlich einer Eosinophilie erreicht werden.
Antioxidanzien wie Vitamin A, C, E, beta-Carotin oder Selen sowie Phytotherapeutika wie Curcuma führen in üblichen Dosen erfahrungsgemäß nicht zu einer Wirkungseinschränkung. Megadosen können theoretisch die Wirkung negativ beeinflussen. Acetylcystein (NAC) blockiert vermutlich den Therapieeffekt.

Zusatzmedikation

Die zusätzliche Gabe von hochdosiertem Fischöl (2-3 g EPA und DHA täglich) und niedrigdosierter ASS (30-100g täglich) verstärkt nachweislich die positive Wirkung der IOT.

Allen Anwendern der Oxyvenierungstherapie wird empfohlen, der Internationale Gesellschaft für Oxyvenierungstherapie e.V. beizutreten, die regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen, Erfahrungsaustausch und Hilfe bei Behandlungsproblemen anbietet.

Ausführliche Informationen über die IOT in dem 2013 erstmals erschienenen Buch: Intravenöse Sauerstofftherapie (IOT). Oxyvenierungstherapie nach Regelsberger in Theorie und Praxis. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.
(Bezug über die Firma Oxyven, Lingen)